Von Frankreich, den Caïds und dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen


Am 24.9.2009 setzte ich eine E-Mail mit einem Attachement des folgenden [<<<…>>>] Inhalts ab:

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Auf der Suche nach dem Protokoll der 6191. Sitzung des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen (vom 24.9.2009) betreffend atomare Nicht-Weiterverbreitung und Abrüstung, das leider noch nicht abrufbar ist, stieß ich auf das Sitzungsprotokoll Nr. 619 vom 26.8.1953, in welcher Sitzung es um einen Brief (S/3085) von 15 Staaten (Afghanistan, Burma, Ägypten, Indien, Indonesien, Iran, Irak, Libanon, Liberia, Pakistan, Philippines, Saudi Arabien, Syrien, Thailand, und Jemen) an den Sicherheitsrat ging, in dem um dringende Anberaumung einer Sitzung zur Untersuchung von Vorkommnissen in Marokko ersucht wurde: Zu jener Zeit hatte offenbar Frankreich den Sultan in Marokko gestürzt…

Nachdem er in seiner Ansprache darauf hingewiesen hatte, dass sich Frankreich jedwede Einmischung des Sicherheitsrats in die Beziehungen zwischen Frankreich und seinen Protektoraten in Nordafrika verbitte, die Gründe wofür Robert Schuman (der damalige französische Außenminister) in der Generalversammlung vom 10. November 1952 detailliert dargelegt habe, heißt es dazu in besagtem Protokoll S/PV.619 seitens des Französischen Delegierten, Herrn Hoppenot, wie folgt (aus dem Französischen übersetzt):

„8. Die erste Tatsache ist, dass seit einigen Jahren eine wachsende Unzufriedenheit hinsichtlich seines Souveräns unter einem weiten Teil des marokkanischen Volks Platz greift. Die Gründe für diese Unzufriedenheit, die Bedeutung der Beschwerden, die sie nähren, betreffen uns überhaupt nicht. Es genügt uns festzustellen, was nicht geleugnet werden kann, und dass eine immer größere Zahl von natürlichen Chefs der marokkanischen Bevölkerung, von jenen, die traditionell deren religiöse und politische Führer sind, dem Sultan vorwarfen, er entferne sich von der Rolle des obersten Schiedsrichters, die er unter allen Fraktionen beibehalten sollte, er favorisiere eine auf Kosten der anderen und kompromittiere die Integrität des islamischen Glaubens, dessen Verwahrung er innehatte. Noch einmal, diese Vorwürfe seien wahr oder unwahr, wir haben darüber nicht zu befinden, nicht mehr als wir die Rechtmäßigkeit von Vorwürfen einzuschätzen haben, die in anderen Ländern gegen andere Souveräne vorgebracht wurden und den Niedergang oder die Schwächung anderer Regime nach sich zogen.

9. Die erste öffentliche Demonstration dieser Geisteshaltung trug sich am 29. Mai 1953 zu, als 270 der 350 marokkanischen Caïds und Paschas eine Petition an den Residenz-General Frankreichs überreichten, in der sie von der französischen Regierung die Deposition des Souveräns [la déposition du souverain] fordern. Caïds und Paschas sind vom Sultan ernannte Funktionäre der Verwaltung und der Rechtsprechung, wovon aber jener, indem er sie einsetzt, meistens nur eine persönliche oder geerbte Stellung absegnet, die sie in ihrer Region oder in ihrem Stamm genießen. […]“

Abgesehen von der hier schön gegebenen Definition und Tradition insbesondere der Caïds, von denen mit Sicherheit die Bezeichnung Alcaida abstammt, fällt mir zur oben wörtlich übersetzten Passage der déposition du souverain das Folgende ein:

„Déposition“ bedeutet im Französischen nicht nur „Absetzung“ sondern auch „Zeugenaussage“ und im Lateinischen bedeutet das Wort „deponere“, von dem die französische Vokabel abstammt: I.1. niederlegen, -setzen, -stellen, zu Boden legen; 2. niederlegen, in Sicherheit bringen, unterbringen; anvertrauen. II. 1. weg-, ablegen, beiseite legen; 2. niederlegen, aufgeben, ablegen, verzichten. III. (Kranke, Sterbende) aufgeben. (Zitiert nach Stowasser/Petschenig/Skutsch, Der Kleine Stowasser. Lateinisch-deutsches Schulwörterbuch, Wien 1979.)

Um einen Souverän von seiner erhabenen Stellung niederzulegen oder dergleichen, muss er zuerst seinem Volke entrissen werden, das ihn hochhält; desgleichen kann ein Fremder einen Souverän nicht aufgeben, oder besser: die Aufgabe durch einen Fremden ist redundant und wirkungslos, eben weil er Fremder ist und solange sein Volk ihn, den Souverän, hochhält.

Ich frage mich also, ob diese Petition ein missverstandenes Rechtshilfegesuch gegen dritte, fremde Einflüsse in Marokko an Frankreich war.

In seiner Rede erachtet Herr Hoppenot den genannten Brief der 15 übrigens für nicht repräsentativ, was meines Erachtens nur auf den zweiten Paragraphen des Friedens von Münster von 1648 zwischen dem Französischen König und dem Kaiser anspielen kann, der da – von mir aus dem Lateinischen übersetzt – lautet wie folgt (Siehe den lateinischen Originaltext bei Vast, Henri, Les grands traités du règne de Louis XIV, (Paris 1893), S. 12):

Es geschehe auf beiden Seiten dauerndes Vergessen und Vergeben all dessen, was von Anbeginn dieser Aufstände an, an welchem Ort und auf welche Weise immer vom einen oder vom andern Teil hin und her feindselig begangen worden ist, so wie weder dessent- noch irgend einer anderen Sache wegen oder unter einem Vorwand einer dem andern künftig irgendetwas der Feindseligkeit oder der Feindschaft, des Verdrusses oder eines Hindernisses hinsichtlich der Persönlichkeit, des Standes, des Vermögens oder der Sicherheit, für sich oder für andere, heimlich oder öffentlich, direkt oder indirekt, unter dem Schein des Gesetzes oder auf tatsächliche Art, innerhalb des Reiches oder irgendwo außerhalb jenes (sofern nicht irgendwelche hauptsächlichere Pakten, die das Gegenteil vorsehen würden, entgegenstehen) zufügen oder zufügen lassen oder sich gefallen lassen soll, sondern alle(s) und jede(s) von nun an deshalb sowohl vor dem Krieg als auch in demselben verbal, schriftlich oder tatsächlich beigebrachte Unrecht, Gewalttätigkeit, Feindseligkeit, Nachteil oder Aufwand ohne jedwede Rücksicht auf die Persönlichkeit oder die Sache so vollständig beseitigt werden soll, damit was auch immer der eine wider den andern vorschützen könnte, von dauerndem Vergessen begraben werde.

Die betreffende Stelle habe ich unterstrichen. – So sollte man nicht mit einer Treuhänderstellung umgehen!

A.H.L.

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Unter dem Eintrag: Alcaîde, findet sich bei Compagnie des Libraires Associés [Éditeurs], Dictionnaire Universel François et Latin, Paris 1771, Tome I, p. 213 Folgendes:

« Judex, Prator, Civitatis Rector, Gubernator. Juge & Gouverneur d’une ville, dans la Barbarie; car on ne le dit que de ceux de ce pays-là. La Juridiction de l’Alcaîde est souveraine, tant au civil qu’au criminel, & les amendes lui appartiennent. On trouve aussi dans quelques Dictionnaires Espagnols Alcalde dans le même sens, ainsi que je l’ai dit. Ce mot vient de l’article al, du verbe arabe [Schriftzeichen nicht darstellbar] Kad, & Akad, qui signifie gouverner, régir, administrer, être gouverneur. Son participe est Kaid, dont on a fait aussi un nom appellatif, qui chez les Arabes signifie Gouverneur, Chef, Préteur, Président, Juge, petit Roi. Voyez Alcade. »

Und unter dem Eintrag: Alcade, auf den soeben verwiesen wurde, aaO, Folgendes :

« [~] de Justice. C’est un Juge, un Prévôt. Alcade de la Cour ou de la Maison Royal, c’est ce que nous appelons Grand-Prévôt de l’Hôtel. Fr. Rolland commença à jouir de l’Office d’Alcade Major, & étant arrivé à S. Dominique avec ses gens, il y arriva d’autres Alcades qui étaient là. De la Cost. Traduct. de Herrera. Alcadie, en Espagnol alcaldia, c’est la charge de ce Magistrat. Pratura. On trouve aussi, & l’on dit alacide & alcaidia, comme le prononcent les Maures. Diégo Torrès, dans sa Relation ou Histoire des Chérifs, dit que les puînés du Roi de Maroc, ses frères & ses parents, sont au nombre des principaux mîcaïdes ; que ce ce Roi a un Alcaïde qui a charge de commander aux Ministres de la Justice, & de faire les exécutions secrètes, comme d’arréter quelque Alcaïde, ou Seigneur ; qu’il y a un autre Alcaïde, qui est comme Maître des cérémonies ; un autre qui a l’Office de Grand-Ecuryer ; un Alcaïde des chameaux, qui a soin de les faires panser, &c. Un autre qui est comme pourvoyeur général ; Alcaïde des Cetaires, qui sont les laquais, ou valets de pied : un Alcaïde qui commande à 50 hommes de cheval, nommés Almaharèques, qui sont comme des Sergens, qui commandent de la part du Roi aux Alcaïdes & Gentils-hommes, ce qu’ils doivent faire ; & qu’il y a un Alcaïde du charroi, qui a charge de dresser, plier, porter les tentes du Roi. »

 

Und im Treaty of Peace and Alliance between Oliver Cromwell, Protector of England, and John IV. King of Portugal, made at Westminster, July 10, 1654 (siehe diesen bei Jenkinson, Charles, A collection of all the treaties of peace, alliance and commerce between Great Britain and other powers, Vol. I [London 1785], p. 71.) findet sich der folgende Artikel XIII:

No alcaid or other officer of the King’s shall arrest or impeach any of the people of the republic, unless in criminal cases, without being empowered in writing by the judge conservator; and that their immunities and freedom from arrests, shall be the same as any other nation does, or shall hereafter enjoy. And that they may have power to recover their just debts against any of the Kings officers, farmers, &c. whatever be his protection or passport.

O tempora, o mores!

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