Der Vertrag von Tlatelolco (1967) im Vergleich zum NPT (1968)


Am 14. Februar 1967, mithin vor dem NPT, unterzeichneten einige der Lateinamerikanischen Staaten den Treaty for the Prohibition of Nuclear Weapons in Latin America, nach seinem Unterzeichnungsort genannt der Tlatelolco Treaty (TT). Ihm gehören heute 33 Mitgliedstaaten an.

Dieser Vertrag ist insbesondere deshalb interessant, weil er, wie gesagt, vor dem NPT abgeschlossen wurde und fernerhin, weil er im Gegensatz zum NPT detaillierte Bestimmungen enthält, welche das Vertragsverhältnis, bzw. dessen Folgen, unter den Mitgliedstaaten betreffen; so sind (in Artikel 8 ff TT) sogar Vertragsorgane eingesetzt, die über die Einhaltung des Vertrags wachen und sie koordinieren sollen.

Außerdem sieht auch der TT (in dessen Artikel 13) die Anwendung von Safeguards durch die IAEA vor; Artikel 13 TT lautet:

Each Contracting Party shall negotiate multilateral or bilateral agreements with the International Atomic Energy Agency for the application of its safeguards to its nuclear activities. Each Contracting Party shall initiate negotiations within a period of 180 days after the date of the deposit of its instrument of ratification of this Treaty. These agreements shall enter into force, for each Party, not later than eighteen months after the date of the initiation of such negotiations except in case of unforeseen circumstances or force majeure.

Das zweimal hervorgehobene its bezieht sich zweifelsfrei auf die Contracting Party, was schon deshalb erhellt, weil nur eine solche Lesart mit den Statuten der IAEA konform geht, wonach (Artikel IIIA5., 2. Fall) die IAEA über Ersuchen von Parteien von Verträgen Safeguards anwendet (im Gegensatz zu den eigenen Safeguards der IAEA, welche diese verwaltet und auf IAEA-Projekte anwendet [1. Fall]).

Der TT unterstreicht damit sohin die hohe Bedeutung des Souveränitätsprinzips, sodass er dem jeweiligen Vertragsstaat (im Rahmen dessen vertraglich übernommenen Verpflichtungen) überlässt, welche Ausgestaltung die Safeguards haben sollen, welche die IAEA auf dessen Atomprogramm anwenden soll.

Der NPT trifft diesbezüglich keine ausdrücklichen Vorkehrungen. Aus der Notwendigkeit, dass die in dessen Artikel III vorgesehenen Safeguard-Agreements mit der IAEA aber konform mit deren Statuten gehen müssen, ergibt sich für den Anwendungsbereich des NPT dasselbe: Auch hier sind es die Vertragsparteien des NPT, die der IAEA (gemeinschaftlich oder unilateral) vorzugeben haben, welcher Art und Weise die Safeguards sein und worauf genau sie angewandt werden sollen.

Nach der klaren Konzeption des TT ist es auch nicht die IAEA, sondern sind es die Vertragsstaaten des TT bzw. die in ihm eingerichteten Organe, welche mutmaßlichen Vertragsverstößen durch dessen Mitglieder nachzuspüren und dafür zu sorgen haben, dass sie verifiziert und geahndet werden (wenn auch unter Einschaltung von Sonderprüfungen durch die IAEA, die eigens zu beauftragen sind: Artikel 16 TT).

Festzuhalten ist hier somit, dass auch der NPT der IAEA keinerlei Kompetenzen überträgt, Verstöße gegen den NPT, über die Anwendung der normalen Safeguards hinaus, aufzuspüren, geschweige denn zu ahnden. Ganz im Gegenteil sieht auch der NPT in dessen Artikel III vor, dass die Safeguards in Abkommen mit der IAEA, welche „in accordance with the Statute of the International Atomic Energy Agency and the Agency’s safeguards system“  sein müssen, zu vereinbaren sind. (Letzteres, das safeguard system der IAEA,  ist in bereits zitiertem Artikel IIIA5. des IAEA-Statuts zu finden und beinhaltet, wie zuvor gezeigt, zweierlei Arten von Safeguards: die selbstverwalteten und die von dritter Seite vorgegebenen.) Der vielgenannte Begriff des watchdog ist daher völlig verfehlt, zumindest aber nicht rechtskonform!

Höchst interessant, insbesondere im Zusammenhang mit der letzten Berichterstattung über Irans angebliche Zünderversuche (siehe dazu derstandard.at: IAEO: Iran verheimlicht Atomwaffenprogramm) ist im Vergleich der Artikel 18 TT, der da auszugsweise lautet:

1. The Contracting Parties may carry out explosions of nuclear devices for peaceful purposes – including explosions which involve devices similar to those used in nuclear weapons – or collaborate with third parties for the same purpose, provided that they do so in accordance with the provisions of this article and the other articles of the Treaty, particularly articles 1 and 5.

2. Contracting Parties intending to carry out, or co-operate in the carrying out of such, an explosion shall notify the Agency and the International Atomic Energy Agency, as far in advance as the circumstances require, of the date of the explosion and shall at the same time provide the following information:

[…]

Es scheint also unwahr zu sein, dass jedwede nukleare Sprengvorrichtung nur zu unfriedlichen Zwecken verwendet werden kann! Und im Gegensatz zur Regelung des zitierten Absatzes 2 enthält der NPT keinerlei Vorschrift, welche eine solche Meldung an die IAEA vorschriebe.

Zwar kennt das Iran-IAEA-Safeguard-Abkommen (IISA) in dessen Artikel 14 ähnliche Vorschriften, welche sich aber ausdrücklich auf die Verwendung von spaltbarem Material zu „nicht-friedlichen“ Zwecken beziehen!

Da somit alles andere als sicher ist, dass die Forschungen, die Iran betreibt, zu nicht-friedlichen Zwecken dienen; und weder der NPT noch das IISA eine Meldepflicht für nukleare Sprengvorrichtungen, die friedlichen Zwecken dienen, kennen, ist Iran hier auch kein Vertragsbruch vorzuwerfen, solange dabei kein spaltbares Material in einer „significant quantity“ (Artikel 28 IISA)  verwendet wird.

20120313, 1319

Oben bereits erwähnter Artikel 16 TT, welcher spezielle Inspektionen vorkehrt, lautet auszugsweise:

1. The International Atomic Energy Agency and the Council established by this Treaty have the power of carrying out special inspections in the following cases:

a) In the case of the International Atomic Energy Agency, in accordance with the agreements referred to in article 13 of the Treaty;

b) In the case of the Council:

(i) When so requested, the reasons for the request being stated, by any Party which suspects that some activity prohibited by this Treaty has been carried out or is about to be carried out, either in the territory of any other Party or in any other place on such latter Party’s behalf, the Council shall immediately arrange for such an inspection in accordance with article 10, paragraph 5.

(ii) When requested by any Party which has been suspected of or charged with having violated the Treaty, the Council shall immediately arrange for the special inspection requested, in accordance with article 10, paragraph 5.

[…]

3. The General Conference shall formulate the procedures for the organization and execution of the special inspections carried out in accordance with paragraph 1, sub-paragraph (b), sections (i) and (ii) of this article.

4. The Contracting Parties undertake to grant the inspectors carrying out such special inspections full and free access to all places and all information which may be necessary for the performance of their duties and which are directly and intimately connected with the suspicion of violation of this Treaty. If so requested by the Contracting Party in whose territory the inspection is carried out, the inspectors designated by the General Conference shall be accompanied by representatives of the authorities of that Contracting Party, provided that this does not in any way delay or hinder the work of the inspectors.

[…]

Es ist bereits fraglich, ob Artikel 16 Absatz 1 (a) TT mit dem IAEA-Statut konform geht! Die Funktionen der IAEA sind in Artikel III des IAEA-Statuts abschließend geregelt. Im hier allein einschlägigen Absatz A5. desselben ist allein die Rede von safeguards; welche im Fall der von der IAEA selbst verwalteten sein sollen: „designed to ensure that special fissionable and other materials, services, equipment, facilities, and information made available by the Agency or at its request or under its supervision or control are not used in such a way as to further any military purpose„.

Demgegenüber sieht der 2. im Artikel IIIA5 enthaltene Fall von Safeguards vor, dass diese von der IAEA angewandt werden sollen „at the request of the parties, to any bilateral or multilateral arrangement, or at the request of a State, to any of that State’s activities in the field of atomic energy.“ Aus dem hervorgehobenen at the request geht klar hervor, dass ein solches Ersuchen auch zu umfassen hat, welches Design die Safeguards haben sollen. Dies geht konform mit Artikel III Abschnitt D IAEA-Statut, der da lautet:

Subject to the provisions of this Statute and to the terms of agreements concluded between a State or a group of States and the Agency which shall be in accordance with the provisions of the Statute, the activities of the Agency shall be carried out with due observance of the sovereign rights of States.

Die Souveränität der Staaten, auf deren Nuklearaktivitäten die IAEA Safeguards nach Artikel IIIA5., 2. Fall IAEA-Statut anwendet, kann somit nur in dem dort vorgesehenen Ersuchen an die IAEA (selbst)beschränkt werden. Damit geht konform, dass Artikel 16 Absatz 3 TT der TT-Generalversammlung eine Kompetenz zur Ausgestaltung eines Prozedere für solche spezielle Inspektionen nur hinsichtlich der in Artikel 16 Absatz 1 (b) genannten TT-Rats-Inspektionen einräumt, sodass hinsichtlich der IAEA-Inspektionen offen und dem TT-Vertragsstaat überlassen bleibt, ob und welche Befugnisse er der IAEA hier (IAEA-Statuten-konform überhaupt) einräumen (kann bzw.) will.

Solch ein Ersuchen (an die IAEA) ist (zumindest im Rechtsverhältnis gegenüber der IAEA) jederzeit widerrufbar! Dass damit eventuell Pflichten aus dem Vertrag, der die Nuklearaktivitäten determiniert, und der dem Ersuchen zugrundeliegt, verletzt werden, geht die IAEA salopp formuliert nichts an! Dies ist allein im Rechtsverhältnis zwischen den Vertragsstaaten dieses Vertrags relevant.

Der Begriff der safeguards (in Artikel IIIA5. IAEA-Statut) begreift ein präventives, ein sicherndes Moment in sich und umfasst nicht nachträgliche investigative Maßnahmen zur Aufspürung von geschehenen (vergangenen) Verstößen gegen Vertragspflichten der (die IAEA) ersuchenden Staaten. Es ist daher fraglich, ob Artikel 16 Absatz 1 (a) TT mit Artikel IIIA5., 2. Fall IAEA-Statut konform geht!

Folgerichtig sieht der TT im Artikel 16 Absatz 1 (b) auch die Kompetenz des TT-Rates zu solchen speziellen Inspektionen vor. Darüber hinaus ist es nur dem Sicherheitsrat (SR) der Vereinten Nationen (VN) gegeben, die IAEA im Rahmen des Kooperationsabkommens zwischen VN und IAEA (INFCIRC/11) mit investigativen Aufgaben zu beauftragen.

Der dahinter stehende, dem statutarischen Charakter der IAEA als rein technischer Fachagentur gerecht werdende Zweck ist leicht ersichtlich: Die IAEA soll nicht über eine (ihr nicht zustehende) Funktion, vergangenen Pflichtverstößen ersuchender Vertragsstaaten nachzuspüren, in bilaterale Rechtsstreitigkeiten hineingezogen werden. Wohingegen solche Aufträge durch den SR vom kollektiven Willen der Internationalen Gemeinschaft (Artikel 24 Absatz 1 UN-Charta) getragen werden, sodass eine solche Interessenschieflage hier nicht stattfindet.

Aus all dem folgt, dass die Iran betreffenden IAEA-Resolutionen nicht obligatorisch sein können, weshalb der von mir andernorts vielfach und detailliert angestellten Interpretation der betreffenden SR-Resolutionen besondere Bedeutung zukommt, wonach Iran demnach diese IAEA-Resolutionen nur insoweit beachten soll, als diese Vertrauen stärkend sind.

Hier noch ein thread bei derstandard.at zum Thema.

20120314, 1208

In seinem Artikel III Absatz 1 bestimmt der NPT wie folgt:

[…] Procedures for the safeguards required by this Article shall be followed with respect to source or special fissionable material whether it is being produced, processed or used in any principal nuclear facility or is outside any such facility. The safeguards required by this Article shall be applied on all source or special fissionable material in all peaceful nuclear activities within the territory of such State, under its jurisdiction, or carried out under its control anywhere.

Diese Bestimmungen verpflichten die Vertragsparteien (Nicht-Atomwaffen-Staaten) des NPT im Verhältnis zu einander bzw. zu den Atom-Waffenstaaten, in ihr Ersuchen an die IAEA nach Artikel IIIA5. IAEA-Statut ein Design von Safeguards aufzunehmen, welches dieser vorzitierten Vertragspflicht gerecht wird, und auch alle Lokalitäten darein einzuschließen, an welchen sie mit spaltbarem Material friedvoll hantieren.

Zitierter Artikel III Absatz 1 NPT enthält weder eine Vertragspflicht der NPT-Staaten, die IAEA zum Spürhund zu machen, noch eine spezifische Pflicht, die IAEA solche Anlagen und Aktivitäten inspizieren zu lassen, bei denen zwar nuklear-bezogene Technologie entwickelt, nicht aber mit spaltbarem Material hantiert wird, wobei eine teleologische Auslegung des ersten Satzes des Artikels III Absatz 1 NPT, wonach die Safeguards in der Absicht erfolgen sollen, Abzweigung von Material zu Waffenzwecken zu verhindern, in Verbindung mit Artikel IV NPT ergibt, dass spaltbares Material in (für Zwecke der Waffenproduktion) nicht erheblichem Ausmaß nicht Safeguards unterzogen zu werden braucht, sofern dadurch Forschung und Entwicklung behindert würden.

Hinzukommt Artikel III Absatz 3 NPT, der da lautet:

The safeguards required by this Article shall be implemented in a manner designed to comply with Article IV of this Treaty, and to avoid hampering the economic or technological development of the Parties or international co-operation in the field of peaceful nuclear activities, including the international exchange of nuclear material and equipment for the processing, use or production of nuclear material for peaceful purposes in accordance with the provisions of this Article and the principle of safeguarding set forth in the Preamble of the Treaty.

Kein Forscher und Entwickler lässt sich bei seiner Arbeit gerne über die Schulter sehen! Solange dabei kein spaltbares Material in erheblichem Ausmaß verwendet wird, hat jeder NPT-Vertragsstaat das Recht, seine friedlichen nuklear-bezogenen Forschungs- und Entwicklungsarbeiten geheim zu halten: Darauf sind keine Safeguards anwendbar, und die IAEA hat kein Recht, dort irgendwelchen Dingen nachzuspüren. Umso mehr gilt dies für militärische Aktivitäten, wobei militärisch nicht antonym zu friedlich stehen muss: Je gewichtiger Forschungsaktivitäten ihrer Bedeutung nach für die (zukünftige) Lebensfähigkeit eines Staates sind, desto mehr wird dieser Staat trachten, diese Forschungsaktivitäten im Schutz militärischen Umkreises vorzunehmen. Allein daraus, dass solche Forschung auf militärischem Terrain erfolgt, kann somit nicht geschlossen werden, dass solche Forschung nicht-friedlichen Zwecken diente; wobei abermals zu betonen ist, dass diese Frage keine ist, die im Verhältnis zwischen ihr und den NPT-Staaten die IAEA etwas anginge, sondern allein eine ist, die die NPT-Staaten untereinander etwas angeht; und diese Vertragstaaten, wie oben gezeigt, noch nicht einmal die rechtliche Möglichkeit haben, die IAEA darum zu ersuchen, solchen militärischen Aktivitäten nachzuspüren, geschweige denn (anders als die Mitglieder des TT) ein Vertragsorgan oder auch nur ein spezifiziertes Prozedere vorgesehen hätten, dem zu entsprechen.

Was übrig bleibt, ist bei einem begründeten Verdacht des Vertragsverstoßes gegen den NPT somit allein die Anrufung des SR, wobei dieser drastische Schritt erst angezeigt sein sollte, wenn bereits Feuer am Dach ist oder doch unmittelbar auszubrechen droht; während andere, rein technisch-rechtliche Unstimmigkeiten im friedlichen Verhandlungswege zu lösen sind, anstatt Kriegsstimmung zu provozieren!

Obzwar: Feuer ist in der Tat am Dach; nicht aber aufgrund der Aktivitäten Irans sondern aufgrund der seit Jahrzehnten gepflogenen falschen Auslegung und Anwendung von NPT und IAEA-Statut, sowie der damit einhergehenden Unterdrückung und Bedrohung souveräner Staaten.

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