Die Resolution 2118(2013) des Sicherheitsrats im Lichte des Kapitels VII der UN-Charta


Siehe zur Tatsache, dass es sich bei Entscheidungen nach den Artikeln 41 und 42 UN-Charta um Verfahrensentscheidungen handelt, unten: Die Frage nach Artikel 42 UN-Charta, ob Gewalt angewandt werden soll, ist Verfahrensfrage!

Artikel 39 als der erste Artikel des Kapitels VII der UN-Charta lautet:

The Security Council shall determine the existence of any threat to the peace, breach of the peace, or act of aggression and shall make recommendations, or decide what measures shall be taken in accordance with Articles 41 and 42, to maintain or restore international peace and security.

Mit der Feststellung, dass eine solche Bedrohung oder ein solcher Bruch des Friedens vorliege, ist Kapitel VII eo ipso eröffnet. Sodann stehen die Mittel des Kapitels VI nicht mehr, sondern nur noch die Mittel des Kapitels VII zur Verfügung; obschon die zweite Alternative neben den Empfehlungen, namentlich zu entscheiden, welche Maßnahmen nach Artikel 41 oder 42 zur Anwendung kommen sollen, voraussetzt, dass bereits nach Kapitel VI UN-Charta eine Sachentscheidung des Sicherheitsrats (SR) ergangen war, welche jetzt – nach Zuspitzung des Konflikts zur Bedrohung hin – nachdrücklich umgesetzt werden sollen.

Dies gebietet das Verständnis des Artikels 41/1. Satz UN-Charta:

The Security Council may decide what measures not involving the use of armed force are to be employed to give effect to its decisions, and it may call upon the Members of the United Nations to apply such measures.

Ein Tätigwerden nach Artikel 41 UN-Charta setzt also eine Sachentscheidung des SR voraus, welche es gilt, nachdrücklich umzusetzen. Dasselbe gilt für Artikel 42 UN-Charta:

Should the Security Council consider that measures provided for in Article 41 would be inadequate or have proved to be inadequate, it may take such action by air, sea, or land forces as may be necessary to maintain or restore international peace and security. Such action may include demonstrations, blockade, and other operations by air, sea, or land forces of Members of the United Nations.

Der hier vorgenommene Bezug auf Artikel 41 legt klar, dass die Maßnahmen des Artikels 42 lediglich verstärkter Ersatz für jene des Artikels 41 sind, mithin gleichfalls eine bereits getroffene Sachentscheidung voraussetzen, welche, wie gesagt, auch nach Kapitel VI ergangen sein kann. Weil aber anlässlich der Entscheidung unter Kapitel VI die Dinge noch nicht im Argen lagen, der Friede noch nicht unmittelbar bedroht oder gar gebrochen war, kann jetzt, wo dies der Fall ist, neben der unter Kapitel VI getroffenen Sachentscheidung eine Anpassung derselben notwendig sein. Deshalb, sowie für den Fall, dass die Situation erst jetzt vor den SR gelangt ist, kehrt Artikel 40 UN-Charta vor, was folgt:

In order to prevent an aggravation of the situation, the Security Council may, before making the recommendations or deciding upon the measures provided for in Article 39, call upon the parties concerned to comply with such provisional measures as it deems necessary or desirable. Such provisional measures shall be without prejudice to the rights, claims, or position of the parties concerned. The Security Council shall duly take account of failure to comply with such provisional measures.

Die jüngste Resolution 2118(1013) des SR der Vereinten Nationen (VN) lautet auszugsweise:

The Security Council,

[…]

Reaffirming that the proliferation of chemical weapons, as well as their means of delivery, constitutes a threat to international peace and security,

Recalling that the Syrian Arab Republic on 22 November 1968 acceded to the Protocol for the Prohibition of the Use in War of Asphyxiating, Poisonous or Other Gases and of Bacteriological Methods of Warfare, signed at Geneva on 17 June 1925,

[…]

Welcoming the establishment by the Secretary-General of the United Nations Mission to Investigate Allegations of the Use of Chemical Weapons in the Syrian Arab Republic (the Mission) pursuant to General Assembly resolution 42/37 C (1987) of 30 November 1987, and reaffirmed by resolution 620 (1988) of 26 August 1988, and expressing appreciation for the work of the Mission,

Acknowledging the report of 16 September 2013 (S/2013/553) by the Mission, underscoring the need for the Mission to fulfil its mandate, and emphasizing that future credible allegations of chemical weapons use in the Syrian Arab Republic should be investigated,

Deeply outraged by the use of chemical weapons on 21 August 2013 in Rif Damascus, as concluded in the Mission’s report, condemning the killing of civilians that resulted from it, affirming that the use of chemical weapons constitutes a serious violation of international law, and stressing that those responsible for any use of chemical weapons must be held accountable,

[…]

Determining that the use of chemical weapons in the Syrian Arab Republic constitutes a threat to international peace and security,

[…]

1. Determines that the use of chemical weapons anywhere constitutes a threat to international peace and security;

[…].

Im präambulären Teil seiner Resolution zieht der SR somit nicht selbst den Schluss (aus dem Bericht des Sellström-Teams), dass Chemiewaffen in Syrien zum Einsatz gelangt seien, sondern er bezieht sich auf den diesbezüglichen Schluss, wie er in diesem Bericht vorgenommen worden ist. Das stellt somit keine Feststellung durch den SR dar, dass es zu einem solchen Einsatz gekommen sei!  Dazu ist auf die oben vom SR bezogene Resolution der Generalversammlung (GV) der VN A/RES/42/37 zu blicken, in deren Teil C es auszugsweise heißt:

The General Assembly,

[…]

4. Requests the Secretary-General to carry out investigations in response to reports that may be brought to his attention by any Member State concerning the possible use of chemical and bacteriological (biological) or toxin weapons that may constitute a violation of the 1925 Geneva Protocol or other relevant rules of customary international law in order to ascertain the facts of the matter, and to report promptly the results of any such investigation to all Member States; […].

Die von der Sellström-Kommission „festgestellten Tatsachen der Angelegenheit“ sind (gegebenenfalls), dass an diesen und jenen Örtlichkeiten diese und jene Spuren von toxischen Chemiewaffen gefunden wurden und dass diese und Jene Zeugen dies und das ausgesagt haben: das sind die Fakten, die zu berichten waren; nicht jedoch ein daraus gezogener Schluss, wonach es zu einem Giftgasangriff gekommen sei! Dieser Schluss steht einzig und allein dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zu. Deshalb der ironische, oben fett hervorgehobene Zusatz, as concluded in the Mission’s report.

Der letzte oben zitierte Erwägungsgrund, wonach „der Gebrauch von Chemiewaffen in Syrien“ eine Bedrohung des Friedens darstelle, befindet sich zum einen außerhalb des operativen Beschlussteils (was mit den Formalerfordernissen des Artikels 39 UN-Charta im Widerspruch steht), und ist außerdem als allgemeine Aussage dahin zu verstehen, dass jedweder Gebrauch von Chemiewaffen, mithin auch ein solcher in Syrien eine Bedrohung des Friedens darstellt; eine Konkretisierung etwa durch die Angabe eines Datums, das auf den 21.8.2013 schließen ließe, fehlt hier völlig. Ganz demgemäß heißt es auch im ersten operativen Punkt, dass der Einsatz von CHemiewaffen, wo auch immer geschehen, eine solche Bedrohung darstellt.

Kurzum: Eine formaljuristischen Erfordernissen genügende Feststellung durch den SR der VN nach Artikel 39 UN-Charta, wonach

1. am 21.8.2013 in Syrien Chemiewaffen eingesetzt worden seien, und dies

2. den internationalen Frieden und solche Sicherheit bedrohe

hat in Resolution 2118(2013) nicht stattgefunden.

Daraus folgt, dass sämtliche im operativen Teil dieser Resolution ergangenen Aufträge (insbesondere an Syrien) unter dem Kapitel VI UN-Charta ergangen und zu prüfen sind. Gleichwohl sind die dort getroffenen Anordnungen dieser Maßnahmen nach Artikel 25 UN-Charta verbindlich, worauf auch der SR selbst im 14. und letzten Erwägungsgrund hinweist.

In den Augen des SR der VN haben wir es also bei der Situation in Syrien, was die behaupteten Chemiewaffeneinsätze angeht, im Sinne des Artikels 33/1 UN-Charta mit einem Streit (namentlich zwischen den westlichen Protagonisten dieser Behauptung einerseits und Syrien andererseits) zu tun, dessen Fortdauer is likely to endanger the maintenance of international peace and security . Unter Artikel 36 UN-Charta hat der SR hierbei folgende Möglichkeiten vorzugehen:

1. The Security Council may, at any stage of a dispute of the nature referred to in Article 33 or of a situation of like nature, recommend appropriate procedures or methods of adjustment.

2. The Security Council should take into consideration any procedures for the settlement of the dispute which have already been adopted by the parties.

In seinem 5. Erwägungsgrund zur gegenständlichen Resolution hält der SR fest, wie folgt:

Noting that on 14 September 2013, the Syrian Arab Republic deposited with the Secretary-General its instrument of accession to the Convention on the Prohibition of the Development, Production, Stockpiling and Use of Chemical Weapons and on their Destruction (Convention) and declared that it shall comply with its stipulations and observe them faithfully and sincerely, applying the Convention provisionally pending its entry into force for the Syrian Arab Republic, […].

Er nimmt also im Sinne des Artikels 36/2 UN-Charta darauf bezug, dass in diesem Streit Syrien bereits seinen Beitritt zur Chemiewaffenkonvention (CWC) erklärt und sich damit einem dort vorgesehenen Prozedere unterworfen hat, seine Chemiewaffen zu deklarieren und unter internationaler Aufsicht zu zerstören. Während also Artikel 36/1 UN-Charta nur Empfehlungen durch den SR betrifft, was das Verfahren anlangt, nach welchem eine Streitbeilegung erfolgen soll; kehrt Artikel 38 UN-Charta vor, was folgt:

Without prejudice to the provisions of Articles 33 to 37, the Security Council may, if all the parties to any dispute so request, make recommendations to the parties with a view to a pacific settlement of the dispute.

Sachliche, mithin den Inhalt des Streits betreffende Empfehlungen darf der SR unter Kapitel VI somit nur abgeben, wenn alle Streitparteien darum ersuchen. Dies war unseres Wissens nicht der Fall.

Die Anordnungen des SR in Resolution 2118 dürfen demnach nur das Prozedere der Streitbeilegung betreffen, und haben außerdem darauf Rücksicht zu nehmen, dass Syrien bereits der CWC beigetreten ist, in welcher ein Verfahren vorgesehen ist. Darüber hinaus gehende oder davon abweichende Verfahrensanordnungen kann der SR nur dann treffen, wenn diese (im Sinne von Artikel 36/1 UN-Charta) angemessen sind. Angesichts der oben erörterten, und vom SR offenkundig absichtlich ungeklärt gelassenen Frage, ob es denn tatsächlich zu Giftgaseinsätzen in Syrien gekommen ist, besteht kaum Anlass, vom üblichen, in der CWC vorgesehenen Prozedere abzuweichen.

Aus diesem Grund beschränkt sich der SR in seiner gegenständlichen Resolution auch darauf, die Ummantelung der Entscheidung des Exekutivrates (ER) der OPCW (in operativem Punkt 3.) vorzunehmen und Syrien (in operativem Punkt 6.) aufzutragen, diesen Beschluss des ER zu befolgen. Die im operativen Punkt 4. vorgenommene Entscheidung, that the Syrian Arab Republic shall not use, develop, produce, otherwise acquire, stockpile or retain chemical weapons, or transfer, directly or indirectly, chemical weapons to other States or non-State actors; nimmt im Wesentlichen den Inhalt des Artikels I der CWC vorweg und kann daher als an sich nicht vorgesehene Sachentscheidung übersehen werden.

Unter diesem Lichte ist nun die der gegenständlichen Resolution des SR der VN als Annex I beigeschlossene Entscheidung des ER der OPCW zu prüfen:

In dieser Entscheidung fällt im Wesentlichen auf, dass (unter operativem Punkt 1.a) Syrien aufgefordert wird, binnen 7 Tagen insbesondere technische Bezeichnungen sowie die Lokalisation der in seinem Besitz befindlichen C-Waffen bekannt zu geben. Dies steht im Widerspruch mit Artikel III/1 CWC, wonach hierfür eine Frist von 30 Tagen ab Inkrafttreten der CWC für das betreffende Mitglied offensteht. Zumal Syrien, wie oben ausgeführt, erklärt hat, die CWC bereits jetzt als verbindlich anzuwenden, begann diese Frist mit 14.9.2013 zu laufen und endet am 14.10.2013. Daran kann auch der auf Syrien anwendbare Artikel IV/8 CWC nichts ändern, der lautet wie folgt:

If a State ratifies or accedes to this Convention after the 10-year period for destruction set forth in paragraph 6, it shall destroy chemical weapons specified in paragraph 1 as soon as possible. The order of destruction and procedures for stringent verification for such a State Party shall be determined by the Executive Council.

Denn der Zerstörungsplan und die Verifikationsverfahren schließen sich erst an die Bekanntgabe nach Artikel III/1 CWC an; sodass der ER der OPCW demnach nicht dazu berufen ist, die Frist von 30 Tagen zu verkürzen. Dazu hat ihn auch der SR der VN nicht ermächtigt.

Wie der SR der VN, wie oben bereits erwähnt, selbst sagt, sind die Entscheidungen des SR der VN unter Artikel 25 UN-Charta verbindlich; dieser lautet:

The Members of the United Nations agree to accept and carry out the decisions of the Security Council in accordance with the present Charter.

Die Annahme und Ausführung der Entscheidungen hat also in Übereinstimmung mit der Charta zu geschehen. In Artikel I/1 UN-Charta werden die allgemein anerkannten Völkerrechtsgrundsätze bemüht, zu denen auch pacta sunt servanda zählt.

Es kann nicht dem Zweck der CWC entsprechen, wenn ausgerechnet beim wichtigsten Teil der Prozedur, nämlich der Feststellung und Bekanntgabe der Arsenale, geschludert wird.

Im Ergebnis hat Syrien somit bis zum 14.10.2013 Zeit, seine Erklärung nach Artikel III CWC abzugeben; während operativer Punkt 1.b der Entscheidung des ER der OPCW, welcher für die restlichen Angaben nach Artikel III eine Frist bis zum 27.10.2013 einräumte, übers Ziel hinausschießt und gleichfalls unbeachtlich bleiben muss.

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